Das Modell ist die Realität

von Timo Thalmann

Landkarten und sämtliche mit Ihrer Produktion verbundenen Techniken sowie das damit verknüpfte Wissen sind im Grunde nichts anderes als der Versuch, die Realität in einem Modell einzufangen. Karten modellieren den Raum und abhängig von der Wahrnehmung dieses realen Raumes entsteht das Modell. Tatsächlich?

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Projektion des Behaim Globus von 1492 – natürlich noch ohne Amerika. Der Globus ist im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu besichtigen. (Bild: Public Domain)

 

Die ersten Karten modellierten weniger die reale Welt, wie sie in einem naturwissenschaftlichen Sinne wahrgenommen werden kann, sondern meistens bestimmte eine religiös beeinflusste Wahrnehmung der Realität die Ausgestaltung des Modells. Diese Realität dürfte für die Zeitgenossen aber vermutlich genau so richtig und wahr gewesen sein, wie unsere heutige Realitätswahrnehmung mit Erdkrümmung und Schwerkraft. Modellierungen der Realität setzen eben stets auch den Konsens über diese voraus.

Karten modellieren die Realität

Dass Karten die Realität modellieren und man sich zuvor über die Realität einig werden muss, ist im Grunde eine Binse. Ich wollte nur noch mal daran erinnern. Genauso wie an den Umstand, dass wir inzwischen um die Komplexität der Realität wissen und Karten ohnehin immer einem bestimmten Zweck dienen. Beides spielt eine Rolle, wenn wir zum einen die Realität in ihrem Modell zwangsläufig vereinfachen, und zum anderen diese Vereinfachung – oder von mir aus auch die Auswahl der Teile der Realität, die wir in unser Modell einbauen – am Zweck des Modells ausrichten. Straßenkarten für Autofahrer sehen anders aus, als die für Radfahrer. Seefahrer brauchen andere Informationen (=Modellierungen der Realität) als Landwirte.

So weit, so gut, so einfach. Und vor allem: Entscheidendes hat sich dabei in der Menschheitsgeschichte über Jahrtausende nicht geändert. Das Vorbild des Modells ist stets die Realität geblieben, die nur immer neu und vermeintlich genauer vermessen wurde. Der virtuelle Raum des Weltmodells einer Karte blieb der Realität verbunden. Erst wenn sich real etwas verändert hat – und sei es durch veränderte Realitätswahrnehmung – wurde das Modell entsprechend angepasst. Und dort, wo die Karten über Jahrhunderte weiße Flecken zeigten, bestand doch immer der Konsens, dass an dieser Stelle etwas Reales existieren muss. Das konnte zwar nach heutigem Verständnis durchaus etwas so Metaphysisches sein, wie das Ende der Welt, Walhalla, das Paradies oder eine Drachenpopulation aber eben nicht Nichts. Etwas musste dort sein und im Zeitalter der Entdecker wurden die weißen Flecken nach und nach kleiner.

Weißen Flecken harrten früher der Entdeckung. Heute vermuten wir da nichts.

Ich habe diese Überlegungen etwas ausführlicher formuliert, weil es mir wichtig scheint, sich dieses Verhältnis von modellierter und realer Welt noch einmal vor Augen zu führen.

Denn inzwischen sind die Verhältnisse in Bewegung geraten.

Womöglich leben wir bereits in einer Zeit, in der die virtuelle Entsprechung des realen Raumes die Wahrnehmung der Realität selbst massiv beeinflusst. Gleich zwei Beiträge in den jüngsten Fundstücken haben mich auf diesen Gedanken gebracht. Einmal wird bei Futurezone beschrieben, dass eine Initiative, der (zumeist schwerreichen) Anwohner des weltberühmten Hollywood-Schriftzuges es geschafft hat, nervige Besucher durch eine technologische Manipulation bei Google Maps und anderen Kartenportalen von ihren Wohnstraßen fernzuhalten. Es wird in diesen Karten einfach keine funktionierende Route mehr angezeigt. Und der Guardian verweist auf zwei interessante Tatsachen: 1. Eine Studie von Google, nach der rund 20 Prozent aller kleinen Unternehmen und Dienstleister (in den USA) nirgendwo im Netz zu finden sind und weitere 25 Prozent lediglich in aggregierten Verzeichnissen. 2. Ebenfalls von Google der Befund, dass 97 Prozent der US-Internetnutzer auch kleine lokale Anbieter jeder Art zuerst im Netz suchen. Wer nicht im virtuellen Raum zu finden ist, wird auch im realen Raum nicht mehr be- und gesucht. Sei es ein Wahrzeichen oder ein Shop. Das ist die Umkehrung des zuvor beschriebenen: Die weißen Flecken im Modell der Realität führen nun zu weißen Flecken in der Wahrnehmung der Realität. Wo die (digitale) Karte heute einen weißen Fleck zeigt – und sei es nur der dort nicht eingezeichnete Bäcker – wird auch real nichts mehr vermutet. Die Wahrnehmung des Modells bestimmt die Wahrnehmung der Realität und nicht mehr umgekehrt.

Nun mag man Einwände anbringen. Das alles sei zugunsten der klaren These etwas überspitzt formuliert. Zugegeben. Und die US-Verhältnisse mögen sich sicher auch nicht eins-zu-eins auf dieses Land übertragen lassen, in dem der virtuelle Raum immer noch von vielen als Neuland, um nicht zu sagen als Terra Incognita empfunden wird. So gesehen ist das Netz als allumfassende Modellierung der Realität insgesamt der weiße Fleck und die traditionellen Verhältnisse stimmen noch. Und selbst wenn man sich auf die gesamte Aussage einlässt: Sie gilt vermutlich nicht einmal in den USA für jedes Dorf und jede Vorstad. Außerdem hat Google bei der Veröffentlichung der zitierten Untersuchungen mit Sicherheit ein erlenntnisleitendes Eigeninteresse, um neue Werbekunden zu gewinnen.

Das virtuelle Modell der Welt formt die Welt um – ganz real.

Alles geschenkt. Die Zukunft ist immer schon da, nur eben nicht für alle gleichzeitig (William Gibson) und der Gegensatz zwischen realer Welt und virtuellem Raum ist ohnehin konstruiert. Das Internet existiert lustigerweise ganz real. Jederzeit verfügbare Karten auf dem Smartphone, deren Inhalt als allumfassende Abbildung der realen Umgebung betrachtet werden, sind tatsächlich –Genau! – Realität.

Doch das ist natürlich nicht das Ende. Die virtuelle Realität des Netzes hat gerade erst damit begonnen, die reale Realität (sic!) zu transformieren. Denn das Internet bietet eine globale digitale Infrastruktur, auf deren Grundlage Geschäftsmodelle im Werden sind, die unter Umständen noch weiter gehen. Sie schleusen nicht nur weiße Flecken in die reale Wahrnehmung ein, weil man das Modell schlicht für real hält,  sondern die Realität wird tatsächlich verändert. Ganz so, als ob das Einzeichnen eines Bäckerladens in die Karte den Bäckerladen tatsächlich dort erscheinen ließe.

Allerdings geht es mehr um das Ausradieren. Konkret um Wohnungen, die nach einer Untersuchung der Zeitschrift „Capital“ vom Wohnungsmarkt verschwinden, um auf den Portalen der Sharing Economy für Ferienwohnungen wieder aufzutauen, vor allem bei AirBnb.

Allein in Berlin hat Capital im Angebot von Airbnb fast 6000 Wohnungen gefunden, die dauerhaft und vermutlich gewerblich als Ferienwohnungen angeboten werden. Dem normalen Wohnungsmarkt sind sie damit entzogen. Auch in München, Hamburg und Köln fanden sich bei der Untersuchung jeweils weit mehr als 1000 solcher Wohnungen – die meisten jeweils in den beliebtesten Innenstadtvierteln. Die Zahlen sind brisant, weil gerade in den Großstädten der Wohnungsmarkt als angespannt gilt, Mieten und Kaufpreise sind in den letzten Jahren enorm gestiegen.

Das wäre in dieser kleinen Weltbetrachtung dann die bislang letzte Eskalationsstufe. Die allein auf der digitalen Modellierung der Welt durch das Internet mögliche massenhafte Realisierung und Kommerzialisierung der romantischen Idee vom privaten Wohnungstausch, formt den Wohnungsmarkt und damit die Realität um. Und wo einst „wohnen“ die prägende Nutzung war, müssten die Mapper von OpenStreetMap und die amtlichen Statistiker und Planer nun ihre Modellierungen wieder nachziehen und Wohngebiete in Mischgebiete umwandeln, damit das Modell innerhalb seiner Logik wieder die Realität abbildet.

Nachtrag vom 19. Januar:
Dem Thema Ferienwohnungen, die durch eben diese Nutzung dem Mietwohnungsmarkt speziell in Berlin entzogen werden, widmet sich ein Eintrag im Gentrification-Blog, der zudem zahlreiche Links zu Crowdsourcing-Karten anbietet, die das Problem visualisieren, um nicht zu sagen modellieren.

One thought on “Das Modell ist die Realität

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